Corona: Mythen und Verschwörungstheorien

Verunsicherung und Desorientierung, im Verbund mit Emotionen (Wut und Angst) und schwindendem Vertrauen in die Regierung, sind ein guter Nährboden für Mythen und Verschwörungstheorien. In Schlagwörtern wie „Impf-Diktatur“, „Pandemie der Lügen“ oder „Erfindung der Mächtigen“ findet man Orientierung, Halt und simple Antworten auf Krisen und Probleme, – dies allerdings auf Kosten der Wahrheit: „Das Coronavirus ist erfunden. Eine einzige Lüge des Staates.“ (Sonntagszeitung, 8. November 2020, S. 11) Die oft in Verschwörungstheorien enthaltenen Schuldzuweisungen entsprechen einem klassischen Denkmuster zur Rechtfertigung und nicht zuletzt „harmonieren“ solche Theorien mit eigenem (Fehl-)Verhalten.

Das Erste

Zu den bekannten Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Coronavirus gehören die Beschuldigungen von Personen, Personen- und Völkergruppen.

Das Coronavirus existiert nicht
Proteste in Italien (orf.at, 30. Mai 2020)

Irreführend ist der Mythos, das Coronavirus existiere nicht, sondern sei die blosse Erfindung der Mächtigen (World Economic Forum), Reichen, von Politikern oder von Wirtschaftskreisen. Dass die Bevölkerung nach den vergangenen Monaten mit Verboten und Einschränkungen empfänglich ist für solche Behauptungen, ist verständlich, aber gefährlich. Erstens führt diese Verharmlosung dazu, dass man sich nicht mehr an die Schutzvorschriften hält. Zweitens zerrüttet es das Vertrauen in die Regierungen, führt zur Polarisierung in der Bevölkerung, zu Protestaktionen und Randaliererei, – wie etwa am 5. September 2020 in Rom: „In Rom war für den frühen Abend ein Protest verschiedener Gruppen gegen Maskenpflicht, Impfungen und Abstandsregeln angekündigt. […] Heute gibt es in Rom eine Demonstration von Menschen, die glauben, dass sie [die Pandemie] nicht existiert.“ (Agenturmeldung)

Impfungen und Schutzmasken

Nicht zuletzt verbreiten sich im Internet Mythen von der Nutzlosigkeit oder sogar Gesundheitsrisiken infolge des Tragens von Schutzmasken und von Impfungen.
Auf Abschreckung zielen Fotos mit verunstalteten Gesichtern angeblich infolge des Tragens von Schutzmasken ab.
Gerüchte um das Impfen gegen Virus breiten sich infolge der Verunsicherung und des schwindenden Vertrauens in die Pharmaindustrie, noch bevor überhaupt ein Impfstoff eingesetzt wird. Solche Narrative sollen vor dem Impfen abhalten. Zu diesen Gerüchtegruppe gehören:

  • Corona-Impfung enthält Kuhdünger
  • Der Impfstoff verändert das Erbgut.
  • Mit der Impfung werden Chips implantiert.
  • Impfungen sind gegen Gottes Willen.
  • Impfstoff wurde mit Fötus entwickelt. (MIMIKAMA, 17. November 2020)
  • Impfstoff mit mRNA führt zur Bildung von Tumoren. (MIMIKAMA, 18. November 2020)
Ratten mit Tumoren wegen mRNA-Impfung? (Faktencheck)

Weitere Informationen zu Impfgerüchten: Larson, Heidi. (2020). Stuck: How Vaccine Rumors Start – and Why They Don’t Go Away. University Press: Oxford.

„Das Coronavirus existiert schon lange.“

In den Social Media zirkuliert ebenfalls die Narrative, dass es das Coronavirus schon lange gäbe. Dabei bezieht man sich auf ältere Produktetiketten und -verpackungen, die den Begriff „Coronavirus“ enthalten.
Natürlich ist „Coronavirus“ als Bezeichnung einer ganzen Virenfamilie seit längerem bekannt. Zu dieser Virenfamilie gehören neben dem aktuell aktiven SARS CoV-2 (Wuhanvirus) auch die bereits seit längerem bekannten SARS-CoV und MERS-VoV (mimikama.at, 2. März 2020). Allerdings kann man davon ausgehen, dass die Öffentlichkeit aktuell „Coronavirus“ mit „SARS CoV-2“ identifiziert. Folglich handelt es sich hier um eine (bewusste) Täuschung oder Irreführung.

5G-Netz und Corona
Brandstiftung: 5G unter Feuer (tagesschau.de)

Zu den Mythen und Verschwörungstheorien gehören ebenfalls die Narrative um das 5G-Netz. So schrieb der Arzt Albert Hopfgartner in einem Beitrag im Blog salto.bz: „Mit den heutigen Technologien ‚Künstliche Intelligenz‘ etc. sind die USA, China etc. leicht imstande, intelligente Nanopartikel oder Mikrochips in den Impfstoff hineinzumischen, mit dem Ziel der globalen Erreichbarkeit aller Menschen zusammen mit den Satelliten und dem flächendeckenden 5G, womit wir global kontrolliert wären und manipulierbar“. (salto.bz, 22. April 2020)

Und schliesslich soll das 5G-Netz für die Aktivierung und Verbreitung von Covid-19 verantwortlich sein. „Andere Mythen verängstigen mit Behauptungen, die 5G-Strahlung töte Menschen und die Pandemie sei ein Manöver, um die Todesfälle zu vertuschen.“ (watson.ch, 21. Mai 2020)

Solche Beiträge führen gemäss einem Bericht der Luzerner Zeitung zu Verzögerungen des Ausbau des 5G-Netzes und zu Anschlägen auf Mobilfunkantennen (hauptsächlich in Grossbritannien). (Luzerner Zeitung, 24. April 2020)

Gewalt als Folge

Verschwörungstheorien sind höchst problematisch, da die damit verzerrten Weltbilder Gewalt rechtfertigen, wie die Anschläge auf die 5G-Antennen zeigen. Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule: „Denn Verschwörungstheorien können auch Nährboden für Radikalisierungen sein.“ (Sonntagszeitung, 8. November 2020, S. 11) Gemäss einer im Jahre 2019 durchgeführten Befragung Schweizer Jugendlicher und Erwachsener haben 13 Prozent der Jugendlichen und 7 Prozent der Erwachsenen eine gewaltbereite extremistische Einstellung. Dabei seien männliche Jugendliche am gefährdesten, auch tatsächlich zu handeln. „Sie sind anfälliger für Gruppendruck oder Aufforderungen ideologischer, radikaler Autoritäten. […] Sie sind nicht so stark über Arbeit und Familie an die Gesellschaft gebunden.“ (Sonntagszeitung, 8. November 2020, S. 11)

Weitere unwahre Behauptungen: